… zum Beispiel: Geheimnisse und Grenzüberschreitungen

Einer der bemerkenswertesten Filme der Berlinale 2012 war Sekret. Wie schon der vorangegangene Film seines Regisseurs Przemyslaw Wojcieszek Made in Poland überschreitet Sekret die Grenzen zwischen den Künsten. Es geht um zwei junge Menschen und einen alten; um Ksawery und Karolina, die Ksawerys Vater Jan auf dem Land besuchen. Bereits die etwas eingehendere Beschreibung rückt ihre Konstellation in die Näher einer fast absurden Versuchsanordnung: Ksawery zieht als Drag Queen und Ausdruckstänzer durch die Theater, der eigenbrötlerische, einsilbige Jan scheint ein Familiengeheimnis mit sich zu schleppen, das in die Zeit des Holocaust zurückreicht. Karolina ist Jüdin. Was sie mit Ksawery verbindet, ist vor allem die Ahnung jenes Geheimnisses, dass sie dem Vater erst entlocken müssen. Der dazugehörige Trailer lässt dies allerdings noch im Dunkeln und beschränkt sich auf die Kraft einzelner Bilder.

Trailer zu Sekret (2012)

Przemyslaw Wojcieszek, im Interview, geführt während der Berlinale 2012:

Przemyslaw, zwei Eigenschaften Ihres neuen Films frappieren: 1. Ihre Schauspieler agieren untereinander und im Raum eher theatral…

Schon Made in Poland basierte auf einem Theaterstück von mir, das auf den Bühnen sehr erfolgreich lief, bevor ich es verfilmte. Auch Sekret war als Theaterstück geplant, was mich mich dann aber zu langweilen begann. Vor Made in Poland habe ich fünf Jahre nur Theater gemacht. Das Theater von Frank Castorf und René Pollesch war sehr wichtig für mich. Die beiden jungen Schauspieler aus Sekret haben auch mit Pollesch in Warschau gearbeitet. Polen hat ein sehr dichtes Netz von Theatern, ähnlich wie in Deutschland. Allerdings sind Film und Theater bei uns enger miteinander verknüpft. Ich war im letzten Jahr von einigen erfolgreichen deutschen Filmproduzenten eigeladen worden, um über mögliche Projekte zu sprechen. Beim Small-Talk stellte sich heraus: keiner von denen hatte auch nur den Namen Pollesch zuvor gehört…

Das Geheime Theaterleben hinter den Kulissen: Trailer zu Stadt als Beute (2005)

Grenzüberschreitungen backstage: Trailer zu Stadt als Beute (2005)

Was ist von dem ursprünglichen Theatertext in Sekret noch vorhanden?

Viele Dialoge sind am Ende einfach rausgeflogen. Es gab viel, sehr schön Geschriebenes, das mit Madonna zu tun hatte…

Sekret wird strukturiert durch mehrere Tanz-Performance-Sequenzen Ksawerys, die jeweils den Namen von Madonna-Songs tragen…

Richtig. Es gab zu diesen Songs noch viele Voice-Over-Texte, die sind auch rausgefallen. Durch die gemeinsame Improvisation am Set fanden wir zur Reduktion.

Das zweite hervorstechende Merkmal Ihres Films:  Sie drehten digital und gewinnen daraus eine eigene, mitunter verspielte Ästhetik zwischen planer Malerei und 3D-ähnlicher Räumlichkeit.

Wir haben mit preiswerten Canon-Consumer-Kameras gedreht. Ausserdem bin ich süchtig nach dem Programm AfterEffects. Mit dem kann man eigentlich alles machen. Auf  Vimeo sieht man, was selbst Teenager damit anstellen. Das ist mind blowing.

aus dem Channel: Vimeo Best AfterEffects Work

aus dem Channel: Vimeo Best AfterEffects Work

So praktisch die neue Generation digitaler Videokameras ist, sie scheint für eine Flut »schöner« Bilder zu sorgen, die alle mit dem Schärfe-Unschärfe-Prinzip des klassischen 35mm-Films arbeiten, aber schnell beliebig, kitschig wirken.

Das Problem an diesen Kameras ist: ihre Bilder sind zu perfekt. Sie laden dazu ein, sich zu schnell mit ihrer Schönheit zufrieden zu geben. Wir hatten die Zeit und die Freiheit, mit ihnen zu experimentieren.

Ihr letzter Film liegt gerade mal ein Jahr zurück. Wie habe Sie Sekret so schnell produzieren können?

Nach Made in Poland, der Jahre in Anspruch genommen hatte, wollte ich endlich einen schnelleren Film drehen. Wer auf Filmförderung wartet, kann nur alle fünf Jahre einen Film drehen. Aber NICHTS ist mehr frisch nach fünf Jahren. Man hat überhaupt keine Beziehung mehr dazu, was man vor fünf Jahren mal geschrieben hat. Meine Verlobte schreibt für eine billige TV-Serie. Sie hat den Film produziert. Er war nicht so teuer, wir hatten nur drei Schauspieler und kaum mehr als einen Drehort. Aber drei Wochen in dieser Hütte zu wohnen, das Team zu ernähren, den Strom zu zahlen, ist auch nicht umsonst. Wir haben dafür Bankkredite mit gefakten Papieren aufgenommen. Als wir dann den Rohschnitt zeigen konnten und auf erste Festivals eingeladen wurden, fanden wir auch einen Verleih, der uns das Geld gab, ihn fertig zu stellen und unsere Schulden zurück zu zahlen.

Ihr Film hat auf der Berlinale polarisiert. Etwa ein Drittel der Journalisten hat noch während der Pressevorstellung von Sekret das Kino verlassen.

80 Prozent der Filme auf der Berlinale sind kaum voneinander zu unterscheiden. Sie werden gefeiert, aber sie sind voller Schauspieler, die so tun als würden sie nicht spielen, voller Drama, das so tut als wäre es nicht dramatisch. Auf der Berlinale herrscht der Arthaus-Mainstream. Wenn dessen Publikum dann aus meinem Film die Flucht ergreift, kann ich das durchaus verstehen.


Sekret (Das Geheimnis) ist auf dem Polnischen Filmfestival Film Polska in Berlin ab dem 12. April zu sehen.