… und nicht damit fertig werden. Zum Beispiel: Gilliam, Schlingensief, Lemke
Einen Film zu machen ist eine einzige Auflehnung gegen sein wahrscheinliches Scheitern. Während von den täglichen Millionen von Filmideen Millionen niemals über sich selbst hinauskommen werden, beinhalten unvollendete Filme, an denen bereits gedreht worden ist, die aber nie zu einer der üblichen verwertbaren Formen gefunden haben, einen Schatz an Irrtümern und Erkenntnissen. In ihnen steckt immer Komödie und Drama.
Beispiel 1
Terry Gilliams Versuch, The Man Who Killed Don Quixote zu verfilmen scheiterte, weil am zentralen Drehort, im Süden Spaniens, zur Unzeit der erste Regensturm seit Jahren losbrach, weil sich der Hauptdarsteller Jean Rochefort infolge einer Prostatainfektion nicht mehr auf seiner Rosinante halten konnte und weil die Versicherung der Produktion aus Verlustangst schließlich den Stecker zog. Der Dokumentarfilm Lost in La Mancha beschreibt diese Dreharbeiten des Grauens. Terry Gilliam wird in ihm beschrieben als jemand, der »unbeirrt von der Realität und jeglicher Logik in den Kampf schreitet«. Indes – er zeigt auch, dass es sich lohnt, die Mühlen, gegen die man zu kämpfen hat, nach Kräften selbst zu bauen…
Beispiel 2
Christoph Schlingensiefs The African Twintowers ist ein weiterer Klassiker des nicht fertig gewordenen Films. Was im Oktober 2005 in Namibia mit einem bunten Ensemble an Material gesammelt wurde, fand aufgrund von nicht nur vorsätzlicher Desorganisation und dem rechtzeitigen Diebstahl der einzigen Drehbuchfassung des Films nie zu seiner geplanten Form – an die Öffentlichkeit kamen bisher eine Videoinstallation, eine Dokumentation derselben und ein Soundtrack. Zu dem Ensemble gehörten neben Klaus Beyer, Norbert Losch und Patti Smith auch Irm Herrmann, Robert Stadlober und Katharina Schlothauer. Letztere drei haben nun auch die Hauptrollen in einem Kurzfilm inne, der – zu einiger Überraschung – im Kurzfilmwettbewerb der diesjährigen Berlinale zu sehen war: Say goodbye to the Story (ATT 1/11). Christoph Schlingensief selbst soll noch die Schnittfassung besorgt haben, das Material war im Rahmen der Dreharbeiten zu The African Twintowers entstanden – heraus kam ein elliptischer Versuch über das filmische Erzählen, in dem auch eine Dusche, Stockbetten und eine Schusswaffe vorkommen.
Er versteht es zunächst sehr gut, seinen Sinn zu verstecken. Doch die Aneinanderreihung immer neuer, bisweilen verzweifelt variierter Takes evoziert am Ende zwangsläufig die Erkenntnis, die Regisseur Schlingensief aus dem Off ausspricht: »Once more: Everybody has to learn, that sometimes there is a good moment to say goodbye to the story. And then it’s perfect.« Ob nach (AT 1/11) noch zehn weitere ATs folgen werden? Es gibt schließlich viele Arten, »Goodbye« zu sagen.
Beispiel 3
Klaus Lemke hat das Nicht-fertig-werden in sein System integriert. Zeilen aus seinen abgebrochenen Filmen stellt er bisweilen ins Netz und misst ihnen mit dieser Zweitverwendung einen ähnlichen Stellenwert ein, wie Ausschnitten seiner fertigen Filme, die er in Andere Leute zu einem Musikvideo zusammenfügte.
Seine Arbeitsweise erklärt Klaus Lemke gerne in Interviews, berückender Weise auch im Fluter, dem Erbauungs-Magazin der Bundeszentrale für Politische Bildung:
Lemke: … die meisten meiner Filme breche ich während des Drehens ab. Das kann man sich natürlich nicht erlauben, wenn man vorher Geld genommen hat. Es ist mein eigenes Geld und wenn ich abbreche, dann trage ich die Konsequenzen ganz alleine.
Fluter: Wie oft brechen Sie ab?
In den letzten Jahren habe ich elf Filme gedreht und fünf abgebrochen.
Warum brechen Sie ab?
Ich arbeite ja völlig nach dem Zufall. Ich versuche, mit den Leuten, die ich an dem Tag zufällig treffe, eine Geschichte zu machen. Das klappt manchmal und manchmal klappt es eben nicht. In Berlin für Helden hat es wunderbar geklappt, in Rocker auch und in vielen anderen meiner Filme. Wenn es nicht klappt, werfe ich die Filme eben weg. Deshalb habe ich einen so guten Ruf. Alle anderen müssen ja auch ihre schlechten Filme vorzeigen, weil sie darin Millionen verballert haben. Dann muss der Film auch raus. Niemand in Deutschland, außer mir, kann einen Film abbrechen, denn danach wird er nie wieder einen machen. Aber es ist ja mein eigenes Geld und deshalb kann ich machen, was ich will…


