… zum Beispiel: Was man nicht sieht, das Analoge und Digitale
Ganze drei Seiten widmet das Berliner Stadtmagazin tip in der Ausgabe 02/2012 der digitalen Revolution im Kino. Genauer gesagt: es stellt fest, dass – anscheinend nahezu unbemerkt vom Publikum – immer mehr Berliner Kinos von der traditionellen auf die digitale Projektion umstellen. Von Konsequenzen dieser Umstellung wird in angemessener Ausführlichkeit berichtet, aber ausgerechnet der fällige filmästhetische Diskurs wird mit einem einzigen Satz zur Marginalie erklärt: »Dass das gespiegelte Bild des D-Cinemas in Farbigkeit und Kontrasten anders aussieht, als das einer durchleuchteten PVC-Kopie, gehört eher zu den akademischen Überlegungen eingefleischter Analog-Fans.« Statt aber diesen, vermeintlich »akademischen Überlegungen« auch nur einen weiteren Satz zu widmen, bemisst der tip den Wert jener »digitalen Revolution« anhand der Vektoren »Sauberkeit«, »Wirtschaftlichkeit« und »Verwaltbarkeit« – und dass mit einer Ausführlichkeit, die einen glauben lässt, man habe es mit einer Reinigungsfirma, einem Betriebswirtschaftsseminar oder dem Bundesarchiv zu tun – aber keinesfalls mit dem, was wir Film nannten. Und es immer noch tun. Im Folgenden: fünf erste Hinweise auf die Frage, warum der ästhetische Diskurs des D-Cinema-Bildes im Kino keinesfalls nur zu den »akademischen Überlegungen eingefleischter Analog-Fans« gehört:
1.
Bei der analogen Kinoprojektion besteht eine Sekunde Film bekanntlich aus – in der Regel – 24 Einzelbildern, zwischen ihnen herrscht Dunkelheit. Wohin verschwindet diese Dunkelheit in der digitalen Projektion?
3.
1998, in dem Jahr der Premiere seines Films The General, berichtete mir der britische Regisseur John Boorman in einem Interview, er sei an einer Untersuchung beteiligt gewesen, die ergeben habe, dass das menschliche Gehirn durch das Betrachten analog gefertigter Bilder stärker stimuliert werden würde, als durch die Betrachtung digitaler Bilder. Offenbar ist es schwer, wenn nicht unmöglich, im Internet Belege für diese Untersuchung zu finden.
5.
Das Kapitel »Ein lebendiges Verhältnis zur Arbeit« in Alexander Kluges Geschichten vom Kino erzählt vom Filmvorführer Sigrist und dessen Umgang mit Filmkopien, der an Fetischismus denken lässt. Er endet mit dem Satz »Es wundert ihn sehr, daß man Kopien nicht füttert.« Funktioniert dieser Satz auch, wenn man das Wort Kopien durch digitale Daten ersetzt?

