… zum Beispiel: Tempo – heute: das langsame

In den Kritiken zu Detlev Bucks neuem, innerhalb von vier Tagen bereits von 250.000 Kinozuschauern frequentierten Film Rubbeldiekatz blieben eine Stärke und das größte Problem dieser Neo-Screwball-Komödie unerwähnt.

In den immer erfolgreicher werdenden neuen Emo-Klamauk-Komödien der letzten Jahre (von Keinohrhasen bis Männerherzen) wurde die Möglichkeit von homosexuellem Sex fast ausschließlich als Futter für mindestens spießige Stammtisch-, respektive TV-Couch-Witze ins Feld geführt – in Rubbeldiekatz verwickeln sich hingegen die Brüder des Hauptprotagonisten Alexander Honk in eine schwule Orgie unter freiem Himmel, die zwar etwas bieder, mit Zeitlupe und einsetzendem Schneefall in Szene gesetzt ist, aber tatsächlich von Lust erzählt. Dass eben diese auch im weiteren Verlauf des Films nicht mehr kalauernd relativiert wird, ist bemerkenswert.

Ansonsten sitzt der geschätzte Regisseur Detlev Buck hier vor allem dem Irrtum auf, er würde Schnelligkeit genauso sicher inszenieren können, wie er bisher die Langsamkeit beherrschte. Wir erinnern uns: seit seinen frühen Filmen zeichnete sich Detlev Buck durch die Fähigkeit aus, die Zeit anzuhalten, exemplarisch nachzuvollziehen anhand einer typischen Szene in einem gastronomischen Betrieb.

Erst die Arbeit und dann (1984)

Erst die Arbeit und dann (1984)

Eine wichtige Stilmittelvariante damals: die surreale Überhöhung des Alltäglichen durch Verlangsamung der Handlung (es konnte 30 Sekunden dauern, bis in einem Buck-Film eine Tasse mit Kaffee gefüllt war) und die Betonung ihres Geräuschcharakters (der schmale Kaffeestrahl war im Kino oft lauter zu hören, als die Dialoge). 27 Jahre später, mit anderen Ansprüchen und höheren Budgets ausgestattet, nimmt Buck immer noch gerne das Tempo raus, allerdings mittels extremer, teurer Zeitlupen, in der zum Beispiel das Bestücken eines Grills mit Bratwürsten gezeigt wird. Plötzlich gemeinden sich diese Bilder widerstandslos in ein Umfeld aus hochglänzender Werbeästhetik und einem kommerzialisierten Coolnessbegriff ein. Umfeld kills Bildsprache. Und so fällt auch das Gespräch an der Bar dem angeeigneten Tempo der Screwball-Komödien zum Opfer.

Rubbeldiekatz (2011)

Rubbeldiekatz (2011)

Man mag technisch noch so versiert und mit allen theoretischen Voraussetzungen ausgestattet sein – für das adäquate Tempo eines Filmes ist nicht zuletzt eben auch musikalisches Gespür vonnöten. Rubbeldiekatz kommt mit der unbedarften Polterigkeit eines traditionsverhafteten Alleinunterhalters daher, der plötzlich meint, aus Zeitgeistgründen seinen Hammond-Orgeln Four-to-the-floor-Beats entlocken zu müssen.

P.S. Allerdings: gerade wenn es um Langsamkeit geht, ist auch Musikern das richtige Tempo bisweilen nur schwer zu vermitteln…

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