… zum Beispiel: Talal Selhami, Maroc20fev2011, Mounir Fatmi
Vor zwei Tagen begannen im Berliner Kino Arsenal die Marokkanischen Filmtage. Seit es regelmäßig zu Umbrüchen in Nordafrika Live-Ticker-Berichte gibt – ein Format, mit dem zuvor nur Ereignisse mit dem traditionell kurzfristigem Umbruchpotential eines Fußballspiels protokolliert wurden – ist so eine Veranstaltung geradezu zwangsläufig revolutionär konnotiert. Es macht sich eine diffuse Sehnsucht nach Authentizität bemerkbar; der eigene Wissensstand möchte in Filmen seine Entsprechung finden. Was zum Beispiel könnte folgendes Standbild aus Ayyam Al Wahm / Mirages bedeuten, dem 2010 entstandene Kinodebüt des jungen Regisseurs Talel Selhami, das am Freitag im Arsenal lief?
Tatsächlich steht die geballte Faust und die Frau in der Unschärfe für einen Thriller, dessen junger Regisseur erklärtermaßen hofft, in Marokko eine regelmäßige Produktion von international konkurrenzfähigem Genrekino zu etablieren. In Mirages findet sich eine dramaturgisch ergiebig zusammengewürfelte Gruppe jüngerer Erwachsener unverhofft mitten in der Wüste wieder. Es folgen individuelle aber auch gemeinsame Kämpfe ums Überleben und gegen die Psyche jedes Einzelnen. Als eine Art Fata Morgana tauchen nach und nach konfliktbeladene Familienmitglieder der Protagonisten auf und provozieren zusätzliche Aggressionen. Mirages verbindet die Psychologie von Solaris oder auch Pandorum mit dem mörderischen Prinzip der Saw-Reihe. Leider setzt er seine vermeintlich kapitalismuskritische Grunddisposition (der Wüstentrip der Gruppe beginnt als Bewerbungstest eines multinationalen Mobilfunkkonzerns) nicht konsequent um und es stellt sich die Frage, ob dieses Leider hier ein bisschen schwerer wiegt – weil Mirages eben eine Produktion aus Marokko ist. Seltsam. Wem entzieht man sich, wenn man in Zeiten wie diesen als marokkanischer Filmemacher Filme macht, die mit anderen im Internet zu findenden Filmen aus Marokko – wie den beiden folgenden – augenscheinlich so gar nichts zu tun haben?
Oder ist diese Frage falsch? Oder: wie würde diese Frage aussehen, wenn man sie in anderen (Film-)Ländern stellen würde, in denen Revolutionen noch nicht lange zurückliegen, oder eventuell auch wieder einzufordern wären?
Heute um 18 Uhr gibt es im Arsenal noch eine öffentliche Podiumsdiskussion, mit fünf Filmemachern, darunter auch Talel Selhami, die auf den Marokkanischen Filmtagen ihre Filme gezeigt haben; Filme, die von einer sehr persönlichen Video-Dokumentation über das städtische Familienleben des Regisseurs Hakim Belabbes (Ashlaa / Fragments) bis zu den großen Filmkunstbildern des Dramas Al Ouyoune Al Jaffa / Les Yeux Secs von Narjiss Nejjar reichten. Letzteres spielt in einem nach geradezu mittelalterlichen Regeln funktionierenden Berberdorf, das ausschließlich von Prostituierten bewohnt wird. Thema der Diskussion im Arsenal: Umbruch und Vielfalt: Marokko im Fokus. Eine größere Bandbreite von Gesellschaften innerhalb einer Gesellschaft als jene, die auf den Marokkonischen Filmtagen gespiegelt wurde, scheint jedenfalls kaum vorstellbar.


